Dieser Text erschien zuerst als Facebook-Post am 18. November 2019.

#EinblickeInsRegieLeben #theater #familie #vereinbarkeit

Aus aktuellem Anlass:

Ich saß (vulgo: lag) in der Nacht von Samstag auf Sonntag im Liegewagen eines Nightjets der ÖBB von Berlin nach Süddeutschland, um an einer Matinee für unsere anstehende Premiere teilzunehmen. Am Samstag tagsüber hatte ich für ein paar wenige Stunden Geburtstag mit meiner Familie und weiteren lieben Menschen feiern können, wozu ich am Freitag davor gegen Mitternacht aus eben jenem Süden angereist war. Insgesamt also etwa 18 Stunden im Zug für netto 12 Stunden quality time mit meiner Tochter, die ich davor 2 Wochen nicht habe sehen können.

Veranstaltungen wie diese Matineen werden (je nach Haus) von den Theatern als mehr oder weniger wichtig erachtet – und gerade, wenn man neu an einem Haus ist, wird einem nahe gelegt, solche Termine als obligatorisch zu begreifen.
Regie-Verträge (die mitunter kreativsten Stilblüten auf dem weiten Feld der Juristerei) formulieren das in etwa so:


„§1
[…]
Die Einführungsveranstaltung ist für den [Datum X] vorgesehen.“
„§2
[…]
Der Gast [sic!] verpflichtet sich, […] an allen Proben teilzunehmen, die seine [sic!] […] Anwesenheit erfordern, einschließlich Sonn- und Feiertags- und Umbesetzungsproben […]“
„§9
Im Fall einer Vertragsverletzung durch den Gast [sic!] […] ist vom Gast [sic!] eine Vertragsstrafe zu zahlen. Sie entspricht der Höhe des vereinbarten Gesamthonorars.“


Man hat dann eher selten Lust, sich auf eine Definitionsdebatte mit der kaufmännischen Direktion einzulassen, ob das Fernbleiben der „Einführungsveranstaltung“ nun eine Vertragsverletzung darstellt oder nicht.
Es geht mir an dieser Stelle übrigens keineswegs darum, diese Matinee oder gar das betreffende Haus in irgendeiner Art gering zu schätzen oder zu schmähen – es war eine sehr schöne Veranstaltung, die quasi exemplarisch für die wundervolle Probenzeit steht, die ich aktuell dort erleben darf.

Es geht mir einerseits um Einblicke in die – bzw. nachhaltige Transparenz der – gängigen Abläufe (Dilemmata all inclusive) innerhalb des natürlich hochgradig privilegierten Berufstandes „freischaffende*r Regisseur*in“.
Andererseits möchte ich kurz von Herzen der ÖBB danken, dass sie – im Gegensatz zum konsequenten Kompetenz-Nachzügler DB („Der Nachtzug ist trotz Sanierungsbemühungen wirtschaftlich defizitär.“) – unbeugsam in diese nachhaltige, besondere und schlicht sinnvolle Reisemöglichkeit investiert.

Aber mein größter Dank und Bewunderung geht an all die Familien und Mitmenschen freischaffender Theatermacher*innen, von denen erstere jeden Tag unter vollem Einsatz ermöglichen, dass letztere die „kulturelle Flächenversorgung“ (Jörg Rowohlt, GDBA) stabil halten. Das ist das eigentliche Privileg. Partner*innen, Freund*innen, Familienmitglieder zu haben, die in einer Gesellschaft, wo Care-Arbeit ohnehin diametral entgegengesetzt zu ihrem Wert entgolten wird, uns den Rücken freihalten für unser teures Hobby. Was sind 18 Stunden Zugfahren in 48 Stunden gegen 14 Tage am Stück alleinerziehendes Elternteil sein? Zu oft suhlen wir uns in der Dringlichkeit unseres „künstlerischen Auftrags“ (auch und gerade am deutschen Stadttheater werden ja gleichermaßen die Menschlichkeit verteidigt und das Wirtschaftssystem hart gegeißelt) und nehmen es als gegeben hin, dass andere (meistens Frauen*) den Mental Load der Welt tragen, damit unser Kopf frei bleibt für die Menge Holz, aus dem die Bretter sind, die diese Welt bedeuten wollen.

Das wurde mir einmal mehr bewusst, während ich im sanft schaukelnden Schlafwagen lag, während Elter F zu Hause einmal mehr stundenlange Einschlafbegleitung für die Zweijährige leistete.
Und noch etwas wurde mir wieder sehr deutlich: Wie abgefuckt es ist, bei Vertragsverhandlungen beispielsweise folgende Sätze zu hören.


„Ob Sie Kinder haben oder nicht, da kann ich ja nichts dafür.“
„Wir sind nicht für Ihre Familienplanung verantwortlich.“
„Ach, Kinder gewöhnen sich doch an alles.“
„Das hätten Sie sich eben früher überlegen müssen.“
„Und was hätten wir gemacht, wenn Sie jetzt z.B. in Österreich leben würden?“
„Das Haus zahlt ja wohl nicht Ihre Familienheimfahrten, so weit kommt’s noch!“
„Geht es Ihnen um Geld oder darum, Theater zu machen?“
„Hach ja, aber das Theater gibt uns doch auch so viel zurück, nicht wahr?

Als an einem staatlich geförderten Theater festangestellter Mensch in einer (meist) Leitungsposition das reaktionäre und unterkomplexe Narrativ von „man muss eben Opfer bringen, wenn man seinen Traum leben will“ anzunehmen und auf der anderen Seite alle Jahre wieder bequem stromlinienförmige Spielzeitmotti über „Demokratie“, „Liebe“, „System“, „Mut“ und „Mensch“ (vgl. Menschen Leben Tanzen Welt von J. Böhmermann) in den Abonnent*innen-Äther zu blasen, erfordert schon eine gehörige Portion Flexibilität im präfrontalen Cortex.

So ist dies neben Genie-Kult und despotischen Strukturen wohl ein weiteres Symptom eines patriarchalen Systems, in welchem tief, tief implantiert ist, dass der einsam geniale Regie-Wolf-Mann Haus und Hof und Weib und Balg zurück lassen muss, um sich in künstlerischem Absolutheitsanspruch der Rettung der Welt zu widmen. Dass beispielsweise auch Frauen* Regie führen und deren Partner*innen „zu Hause“ bleiben können, scheint nach wie vor derart seltsam aufzustoßen, dass man(n) vor lauter Schluckauf wiederholt mit dem Kugelschreiber verrutscht und Regisseurinnen auf wundersame Weise weiterhin weniger Honorar auf ihren Verträgen finden als ihre männlichen Kolleginnen.

Dass die Fabel der Unvereinbarkeit von Familie und Beruf (mit der sich traditionell ausschließlich Frauen [vulgo: die Familien-Chromosomen-Trägerinnen] auseinandersetzen sollen) auch und gerade am Theater stetig weitergeschrieben und bebildert wird, ist kein Naturgesetz sondern eine bewusste Entscheidung. Und das gern so widerständige Stadttheater imitiert damit relativ unverhohlen seine Lieblings-Zielscheibe.

Gerade auch männliche Regisseurinnen sollten das – aus meiner Sicht – bei Vertragsverhandlungen und im allgemeinen Arbeitsprozess zum Thema machen und sich für familien-freundliche (da wäre ein Komparativ aktuell noch zu optimistisch) Strukturen einsetzen. Die Progressivität, die das Theater inhaltlich für sich beansprucht, muss sich dringend in seinen Arbeitsstrukturen widerspiegeln, sonst bleibt alles andere leere Behauptung vor gepolsterten Sitzmöbeln. Und wenn sich die Leitungsteams (erwähnte ich bereits irgendwo, dass die Zukunft der Theaterdirektion nur in kollektiven Leitungsstrukturen liegen kann?) aus Menschen zusammensetzen, die solche Dinge beherzigen, dann rollen wir vielleicht doch noch einer vertretbaren Zukunft für das deutsche Stadttheater entgegen.

In den Nachtzügen der ÖBB schließt die letzte automatische Ansage vor der Nachtruhe um 22:00 übrigens mit den Worten: „Schlafen Sie gut und träumen Sie schön!“